56.
Das ist irregulär, Mr. Quarry«, erklärte der diensthabende Arzt.
»Für mich nicht«, erwiderte Quarry. »Ich bin hier, um meine Tochter nach Hause zu holen. Etwas Normaleres kann es gar nicht geben.«
»Aber sie ist an lebenserhaltende Maschinen angeschlossen. Sie kann nicht aus eigener Kraft atmen«, sagte der Mann, als spräche er zu einem Kind.
Quarry zog die Papiere aus der Tasche. »Ich habe mir diesen ganzen Müll schon in der Verwaltung anhören müssen. Ich habe alle nötigen Vollmachten. Hier drin steht, dass ich sie verdammt noch mal hinbringen kann, wo ich will, und Sie können einen Dreck dagegen tun, Mister.«
Der Arzt las die Dokumente durch, die Quarry ihm gab. »Sie wird sterben, wenn wir sie von den Maschinen trennen«, sagte er.
»Nein, wird sie nicht. Auch das habe ich geregelt.«
»Was meinen Sie mit geregelt?«, fragte der Arzt misstrauisch.
»Jedes noch so kleine Gerät, das Sie hier haben, habe ich auch.«
»Wie bitte? Diese Geräte sind sehr teuer. Und kompliziert.«
»In einem Lagerhaus für medizinische Geräte ist vor einem Jahr ein Feuer ausgebrochen. Da war jede Menge Zeug drin, das nicht mal einen Kratzer abbekommen hat, aber es wurde billig verhökert, weil es aufgrund behördlicher Auflagen nicht mehr an Krankenhäuser verkauft werden durfte. Es war alles dabei, vom Monitor bis hin zur Magensonde. Ich habe alles überprüft. Die Geräte laufen einwandfrei. Tatsächlich möchte ich wetten, dass meine Maschinen besser sind als der Kram, den Sie hier haben. Hier ist doch alles ziemlich alt. Und ich muss es wissen. Schließlich komme ich seit vielen Jahren her, und ich wüsste nicht, dass Sie mal eine Maschine ausgetauscht haben.«
Der Arzt lachte gequält. »Also wirklich, Mr. Quarry ...«
Quarry fiel ihm ins Wort. »Und jetzt bereiten Sie meine Tochter endlich für die Abreise vor. Ich werde den Krankenwagen vorne parken lassen.«
»Den Krankenwagen?«
»Ja. Was denn sonst? Haben Sie gedacht, ich würde sie in meinem Pick-up nach Hause karren? Schalten Sie doch mal Ihr Gehirn ein, Mann. Ich habe einen Krankenwagen gemietet, einen mit speziellen Lebenserhaltungsgeräten an Bord. Er wartet draußen.« Quarry riss dem Arzt die Papiere aus der Hand. »Und jetzt machen Sie, verdammt noch mal.«
Quarry ging davon.
»Aber wie genau wollen Sie sich um das Mädchen kümmern?«, rief der Arzt ihm hinterher.
Quarry wirbelte herum. »Ich kenne das alles viel besser als Sie. Ich weiß, wie man sie füttert, wie man ihr Medikamente verabreicht, wie man sie wäscht und wie man vermeidet, dass sie sich wund liegt. Ich weiß alles. Glauben Sie etwa, ich habe immer nur Löcher in die Luft gestarrt, wenn ich hier war? Übrigens, haben Sie ihr je vorgelesen?«
Der Mann schaute ihn verwirrt an. »Ihr vorgelesen? Nein.«
»Ich schon. Ich habe ihr all die Jahre vorgelesen. Vermutlich war es das, was sie bis jetzt am Leben erhalten hat.« Er richtete den Finger auf den Arzt. »Machen Sie sie abreisefertig. Mein kleines Mädchen kommt endlich hier raus.«
Quarry unterschrieb einen Berg von Papieren, die das Heim von jeglicher Verantwortung befreiten. Als Tippi schließlich ihr Gefängnis verließ, schien sogar die Sonne. Quarry kniff die Augen zusammen und beobachtete, wie seine Tochter in den Krankenwagen geladen wurde. Er selbst stieg in seinen alten Truck, zeigte dem Heim den Finger und fuhr dem Krankenwagen voran in Richtung Atlee.
Als sie zu Hause eintrafen, war alles bereit. Carlos und Daryl halfen den Sanitätern mit der Trage. Ruth Ann, der die Tränen über die Wangen strömten, und Gabriel beobachteten die Prozession. Die erwachsene Tochter wurde in dasselbe Zimmer gebracht, in dem sie als Kind gelebt hatte. Quarry und seine Frau hatten in dem Zimmer nichts verändert, als Tippi ihren viel zu kurzen Ausflug ins Leben unternommen hatte. College, ein kurzes Praktikum bei einer Marketingfirma in Atlanta ... und dann war sie mit knapp zwanzig ins Pflegeheim gekommen und hatte fortan nur noch mit der Hilfe von Maschinen gelebt.
Doch nun war Quarrys wunderschönes Mädchen wieder zu Hause.
Nachdem eine Krankenschwester Quarrys Geräte überprüft und sichergestellt hatte, dass sie richtig angeschlossen waren, verschwand der Krankenwagen wieder. Anschließend schloss Quarry die Tür, setzte sich neben Tippi und nahm ihre Hand.
»Du bist zu Hause, meine Kleine. Daddy hat dich wieder nach Hause geholt, Tippi.«
Er hob ihre Hand und deutete damit auf verschiedene Gegenstände im Zimmer.
»Da ist die blaue Schleife, die du für das Gedicht bekommen hast. Und da drüben ist das Kleid, das deine Mutter für deinen Abschlussball geschneidert hat. Du hast sehr hübsch darin ausgesehen, Tippi. Mit dem Kleid wollte ich dich gar nicht aus dem Haus lassen. So sollten die Jungs dich nicht sehen. So schön.« Er richtete ihre Hand auf ein Foto in einem kleinen Bücherregal.
Das Bild zeigte ihre ganze Familie. Mom, Dad und die drei Kinder, als sie noch klein waren. Daryl war noch nicht dick; er hatte nur ein bisschen Babyspeck. Suzie stand in der Mitte und schaute wie immer trotzig drein. Und dann war da Tippi. Sie trug einen Hut aus Zeitungspapier und einem Lederband. Sie hatte ihn sich schief auf den Kopf gesetzt, und ihr blondes Haar fiel ihr bis auf die Schultern. Sie hatte dieses wunderbare Lächeln aufgesetzt, und ihre Augen funkelten schelmisch. Es gab nicht viel, was Quarry heutzutage noch zum Weinen bringen konnte, aber wenn er dieses Foto von Tippi sah, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatte, mit diesem komischen Hut und nicht ahnend, welche Tragödie sie alle würden ertragen müssen, dann traten dem Mann die Tränen in die Augen.
Sanft legte Quarry die Hand seiner Tochter aufs Bett und stand auf, um aus dem Fenster zu schauen. Sein Mädchen war zu Hause, und das würde er genießen, solange er konnte. Und dann würde er den nächsten Brief schreiben.
Quarry drehte sich wieder zu Tippi um und lauschte dem mechanischen Pumpen der Maschine, die Luft in ihre Lunge drückte und ihr Herz schlagen ließ. Dann blickte er wieder zu dem Foto, und indem er kurz die Augen schloss und wieder öffnete, gelang es ihm, die Tippi auf dem Foto mit der im Bett in Einklang zu bringen. In seiner Fantasie ruhte seine Tochter sich nur aus, und zumindest in seinem Kopf würde sie wieder aufwachen, ihren Vater umarmen und ihr Leben weiterleben.
Quarry ließ sich auf einen Stuhl sinken, schloss erneut die Augen und blieb noch ein wenig in dieser anderen Welt.